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Berliner Wahlwerbespots

Bild 6Mit Musik unterlegte Bilder
der Stadt, dann ein junger Gregor Gysi, der aus dem Umriss von Berlin auftaucht und sogleich von einer „Lehre aus der SED-Herrschaft“ spricht: dass nämlich „ein Land ohne Opposition verkommt“. So beginnt 1990 der erste Wahlwerbespot der Berliner PDS, den gerade jemand in einem Internetforum dem Vergessen entrissen hat. Der eigentliche Spitzenkandidat der Offenen Liste, Peter Zotel, hatte einen kleinen Gastauftritt am Schluss – und erinnerte dabei ein wenig an die früheren Reporter der Aktuellen Kamera. Fünf Jahre später hat sich die Werbeästhetik deutlich verändert, nur Gysi ist wieder mit dabei. 1999 schwimmen nackte Menschen durch blaues Wasser, man denkt an Nirvana und ist doch bei der PDS. 2001 ist Gysi wieder vor der Kamera, der „Albtraum“, dass ihn die CDU zum Bürgermeister wählen würde, wird später auf andere Weise wahr. Die wiederkehrenden Versuche, mit einem gewissen Witz Wahlwerbung zu machen, führen 2006 zu einem wohl auch selbstironisch gemeinten Insiderspot, der mit den Farbbezeichnungen der Branche spielt. Eine kleine Spotgeschichte:

Abgeordnetenhauswahlen vom 2. Dezember 1990
Die ersten Gesamtberliner Wahlen seit 1946 fanden parallel zur Bundestagswahl statt. Seit 1989 hatte im Westteil ein rot-grüner Senat regiert, die Alternative Liste war jedoch im November 1990 wegen der Räumung besetzter Häuser aus der Koalition ausgestiegen. Im Osten amtierte seit Mai 1990 eine Große Koalition unter dem SPD_Politiker Tino Schwierzina. Die „Doppelregierung“ wurde nach der Wahl von einer Großen Koalition unter Eberhard Diepgen abgelöst. Die CDU hatte sich auf 40,4 Prozent verbessert, die SPD war um fast sieben Zähler auf 30,4 Prozent abgestürzt. Die Grünen traten getrennt in Ost- (Bündnis90/UFV) und West-Berlin (AL) an – beide rückten ins Abgeordnetenhaus ein, wo sie eine gemeinsame Fraktion bildeten. Die PDS erreichte 9,2 Prozent der Stimmen.

Abgeordnetenhauswahlen vom 22. Oktober 1995
Seit 1990 hatte eine Große Koalition in der Hauptstadt regiert, die auf wachsende Unzufriedenheit stieß – mangels alternative Mehrheitsoptionen nach der Wahl aber fortgesetzt wurde. Die CDU mit Spitzenkandidat Eberhard Diepgen verlor gegenüber den vorherigen Wahlen drei Punkte, blieb mit 37,4 Prozent jedoch stärkste Partei. Die SPD büßte mit der Spitzenkandidatin Ingrid Stahmer fast sieben Punkte ein und kam auf 23,6 Prozent. Die FDP schaffte nicht erneut den Sprung über die Fünfprozent-Hürde, die Grünen verbesserten sich auf 13,2 Prozent. Drittstärkste Kraft wurde jedoch die PDS, die gegenüber 1990 ein knappes Drittel hinzugewann und mit 14,6 Prozent 34 Mandate eroberte.

Abgeordnetenhauswahlen vom 10. Oktober 1999
Auch nach den Wahlen von 1999 blieb es bei einer Großen Koalition – vor allem die SPD unter Spitzenkandidat Walter Momper hatte die Erwartungen enttäuscht. Nicht zuletzt schlug die bundespolitische Negativstimmung durch: vom angekündigten rot-grünen Politikwechsel war im Herbst danach wenig zu spüren, Oskar Lafontaine war bereits zurückgetreten, der Jugoslawienkrieg hatte begonnen. Die CDU unter Eberhard Diepgen konnte sich auf 40,8 Prozent verbessern, die SPD verlor erneut und kam auf 22,4 Prozent. Damit lagen die Sozialdemokraten nur noch fünf Punkte vor der PDS, die sich auf 17,7 Prozent verbessern konnte. Die Grünen rutschten wieder unter zehn Prozent, die FDP blieb außerparlamentarische Opposition.

Abgeordnetenhauswahlen vom 21. Oktober 2001
Die fünfte vorgezogene Wahl in Berlin seit 1945 war notwendig geworden, nachdem die Große Koalition wegen der Bankenaffäre zerbrochen war. Im Juni 2001 waren auf Antrag der SPD und der Grünen mit Hilfe der Stimmen der PDS die CDU-Senatoren abgewählt worden. Klaus Wowereit wurde Regierender Bürgermeister einer rot-grünen Minderheitsregierung unter PDS-Tolerierung, die im Herbst Neuwahlen herbeiführte. Nicht zuletzt Dank der schlechten Performance des CDU-Spitzenkandidaten Frank Steffel wurden die Sozialdemokraten mit 29,7 Prozent stärkste Partei, die CDU stürzte um 17 Prozent ab und landete nur knapp vor der PDS, die mit dem Spitzenkandidaten Gregor Gysi auf 22,6 Prozent kam. Die Liberalen schafften die Rückkehr ins Abgeordnetenhaus, die Grünen blieben stabil. Wowereit bildete schließlich einen rot-roten Senat, Gysi übernahm die Führung des Wirtschaftsressorts, trat aber bereits nach einem halben Jahr wegen der so genannten Bonusmeilen-Affäre zurück.

Abgeordnetenhauswahlen vom 17. September 2006
Fünf Jahre nach dem Start stellte sich der rot-rote Senat zur Wiederwahl, die trotz deutlicher Verluste der PDS gelang. Spitzenkandidat der PDS war Harald Wolf, der Gysi als Wirtschaftssenator beerbt hatte. Die Sozialdemokraten verbesserten sich sogar noch einmal, die Sozialisten sackten um 9,2 Punkte auf 13,4 Prozent ab. Ob das mit dem Rücktritt Gysis, der Tatsache, nun nicht abermals mit ihm als Zugpferd anzutreten, oder generell mit dem Enttäuschungsphänomen bei linken Regierungsbeteiligungen zu tun hat, bleibt offen. Für viele Diskussionen sorgte die konkurrierende Kandidatur der Wahlalternative, welche die Bundes-WASG zu verhindern suchte. Die Wahlalternative mit Lucy Redler an der Spitze kam nur auf 2,9 Prozent.

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Kommentare / 5 COMMENTS

[...] Lafontaines-Linke:   Wahlwerbespots der alten PDS    KLICK [...]

    DEMOKRATISCH - LINKS » Blog Archiv » * Blog - Blizz ! am 29 Jul 10

[...] setzen den kurzen Lehrgang der Geschichte der Werbespots von PDS bis Linkspartei mit einer Lektion über die Königsdisziplin fort: Bundestagswahlen. Sieht [...]

Die Welt verändern | Lafontaines Linke am 07 Aug 10

So eine kleine Geschichte der Berliner Koalitionen der letzten 20 Jahre ( kurzlehrgang) hilft ein bisschen, hinter den wirren Niederungen des täglichen Gezänks ein wenig historische Stimmungen zu erahnen. Leicht ist das jedoch nicht. Denn von Ost-Linken habe ich die offene Frage gelernt: WAS LERNT UNS DAS?

Mathis Oberhof am 29 Jul 10 at 05:05

Dieser kurze Abriss der Berliner Wahlen zeigt mir vor allem, wie sehr die Wahlergebnisse von den SpitzenkandidatInnen abhängen. Nach allen mir bekannten soziologischen Untersuchungen entscheiden vor allem Wechselwähler in erster Linie nach Sympathie für die Spizenleute und weniger nach den Inhalten der jeweiligen Partei. Der Wahlerfolg von Gregor Gysi 2001, der Saarlandwahlerfolg von Oskar Lafontaine, aber auch die wiederholte Direktwahl von Christian Ströbele sind für mich gute Beispiele dafür.

Dieter Carstensen am 29 Jul 10 at 08:14

Interessant, sich anhand von Wahlwerbespots mit der Geschichte der Linken, in diesem Fall der Quellpartei PDS in Berlin, zu befassen. Alle Achtung, mit welchen stilistischen Mitteln so im Laufe der Jahre operiert wurde. Die meisten der Spots wurden meines Wissens von der Berliner Agentur TRIALON realisiert.

der_Alte am 30 Jul 10 at 10:05

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