Befremden über Bezüge
Mehrere Basisorganisationen der Linken protestieren gegen die „Selbstbedienungsmentalität“ im Parteivorstand, schreibt nun auch der Spiegel – doch das Neue Deutschland war schneller. Schon seit einigen Tagen hatte es Kritik am ersten Beschluss des in Rostock neu gewählten Gremiums gegeben: Es geht um die Bezüge der engsten Führungsspitze und die Frage, ob von der Partei noch erhebliche Summen erhalten soll, wer schon als Abgeordneter und in der Fraktion beachtliche Bezüge erhält. „Mit Befremden“ hat zum Beispiel der Kreisvorstand Havelland reagiert, es sei „absolut unverständlich“, dass hier „vom bisherigen Konsens“ abgerückt werde, „dass Parteiämter nur dann hauptamtlich sind, wenn die Amtsinhaber keine Mandate innehaben“. Auch die Höhe der avisierten Gehälter sei unangemessen: „Glaubt ihr wirklich, dass Bundestagsabgeordnete 4.000 Euro zusätzlich im Monat zum Leben brauchen?“ Die Berichte haben eine „hilfreiche Erläuterung“ provoziert, die keine ist – und die inzwischen kommentarlos verschwunden ist.
„Es gibt keine Neuregelung der Vorstandsbezüge, nur einen Beschluss für die neue Wahlperiode“, hieß es bis Sonntagmorgen aus der Bundestagsfraktion. Man hatte sich schon gefragt, ob dafür nicht die Pressestelle des Karl-Liebknecht-Hauses zuständig gewesen wäre. Die Pressemitteilung der Fraktion ist inzwischen – Sonntag 10 Uhr – nicht mehr auf der Website zu finden. Deshalb geht der Link ins Leere. Die Erklärung findet sich aber zum Beispiel hier. Darin heißt es, hieß es: Klaus Ernst werde hauptamtlich tätig sein, Gesine Lötzsch dagegen ehrenamtlich – so werde eine Regelung fortgesetzt, „die auch für Lothar Bisky und Oskar Lafontaine gegolten hat“. Die befremdete Basis wird diese „Erläuterung“ kaum als „hilfreich“ ansehen können. Denn die eigentliche Frage, ob es für hoch dotierter Mandatsträger (Diäten, Fraktionszuschläge) opportun sein kann, zusätzliche Parteibezüge zu erhalten, ist damit ebenso wenig beantwortet wie die Forderung nach Transparenz bei der Bezahlung der Linken-Spitze.
Für die sorgen einige Spitzengenossen selbst: Halina Wazyniak und Raju Sharma hatten bereits erklärt, ihre Aufgaben als Parteibildungsbeauftragte (der Spiegel nennt sie notorisch “Bildungsbeauftragte”, was nach politischer Bildung klingt – für die es eine eigene Kommission beim Vorstand gibt) und Schatzmeister ehrenamtlich ausführen zu wollen, als noch keine Zeitung darüber berichtet hatte. Bis Dienstag sollen nun die anderen Vorstandskollegen mitteilen, wie viel aus dem immerhin 240.000 Euro vollen Topf jeder für sich in Anspruch nehmen will. Bis zum Wochenende lag nach Angaben des Neuen Deutschland eine Antwort vor – mit dem Wunsch nach einer monatlichen Zahlung über wenige als 1.000 Euro. Darüber hinaus hat Gesine Lötzsch erklärt, nur auf den Ersatz zusätzlicher Aufwendungen zu bestehen.
Dem Vernehmen nach soll über die konkrete Höhe der Vorstandsbezüge erst auf einer Klausur entschieden werden. Es soll auch den Vorschlag gegeben haben, die nun umstrittene Entscheidung insgesamt auf diesen Termin zu verschieben – er blieb erfolglos. Öffentlichkeit ist nun allerdings hergestellt, und einer Debatte über die Vergütungsregeln von Spitzengenossen, auch über den Ersatz von “Verlusten” aus bisherigen Arbeitsverhältnissen, wird sich die Partei nun kaum entziehen können. Mehr Transparenz in dieser Frage wird übrigens nicht zum ersten Mal gefordert. Schon im April 2008 hat der Linken-Vorstand „Empfehlungen (…) zustimmend zur Kenntnis genommen“, nach der „die Zahlung von Vergütungen und die Erstattung von Aufwendungen an Mitglieder des Geschäftsführenden Parteivorstandes transparenter zu gestalten ist“. Der Kreisverband Havelland geht noch einen Schritt weiter und hat jene Spitzengenossen, die dies bisher noch nicht getan haben, dazu aufgefordert, „auf zusätzliche Bezüge seitens der Partei für die Dauert der Ausübung eures Bundestagsmandats zu verzichten“.
Und abschließend noch für die Statistik aus einem Beitrag des letzten Bundesschatzmeisters Karl Holluba: „Die Personalausgaben der Gesamtpartei gemäß Rechenschaftsbericht 2008 von rund 8.580.000 Euro, mit denen insgesamt 196 Voll- und Teilzeitstellen finanziert wurden, machen 37,3 Prozent der Gesamtausgaben aus.“ (tos)
Kommentare / 15 COMMENTS
linke » Twitter Trends am 06 Jun 10…
Befremden über Bezüge??!! …
Beschluss korrigiert | Lafontaines Linke am 22 Jun 10[...] die Basis nannte die Reglung „absolut unverständlich“: Nun soll der umstrittene Beschluss zur Vergütung des engeren Führungskreises der Linkspartei korrigiert werden. Wie das [...]
„Eine große Grauzone“ | Lafontaines Linke am 25 Jul 10[...] gerade noch eine Debatte wegen seines Gehaltes als Linken-Vorsitzender entfacht hatte (mehr dazu hier und hier). In Wahrheit geht es aber gar nicht nur um ihn, sondern um das Reisemodell Bundestag und [...]
helmrodt am 06 Jun 10 at 10:16Zwei Fragen ergeben sich da:
1. Sowohl Lötzsch als Ernst sind beide MdB und im Fraktionsvorstand. Warum soll letzterer dann hauptamtlich im PV arbeiten? Ist so ein Porsche wirklich so teuer?
2. Ist es nur ein Linkfehler oder wurde die Pressemitteilung der Linksfraktion von deren Seiten gelöscht? Zu finden ist sie auf den Fraktionsseiten nicht, über den offiziellen P-Verteiler wurde diese nicht verschickt.
tos am 06 Jun 10 at 10:21@helmrodt: Danke für den Hinweis. Die “hilfreiche Erklärung”ist tatsächlich von der Seite der Linksfraktion verschwunden. Man wüsste gern, warum.
helmrodt am 06 Jun 10 at 10:25@tos: wenn du die “hilfreiche Erklärung” noch hast, dann stelle sie doch hier mal rein.
tos am 06 Jun 10 at 10:29hier ist sie:
05.06.2010 | 17:38 Uhr
Pressemitteilung von Hanno Harnisch: Hilfreiche ErläuterungBerlin (ots) – Zu Presseberichten über Vorstandsbezüge der Mitglieder des Geschäftsführenden Parteivorstandes, insbesondere zu den Bezügen der Vorsitzenden, stellt der Stellvertretende Pressesprecher Hanno Harnisch fest:
Es gibt keine Neuregelung der Vorstandsbezüge, nur einen Beschluss für die neue Wahlperiode. Fortgesetzt wird eine Regelung, die auch für Lothar Bisky und Oskar Lafontaine gegolten hat. Lothar Bisky hatte einen hauptamtlichen Vertrag mit der Partei, Oskar Lafontaine nicht. Klaus Ernst wird ebenso wie Lothar Bisky hauptamtlich tätig sein. Gesine Lötzsch wird ebenso wie Oskar Lafontaine ehrenamtlich das Amt der Parteivorsitzenden ausüben.
Pressekontakt:
Hendrik Thalheim
Pressesprecher
Fraktion DIE LINKE. im Bundestag
Platz der Republik 1
11011 Berlin
Telefon +4930/227-52800
Telefax +4930/227-56801
pressesprecher@linksfraktion.de
helmrodt am 06 Jun 10 at 11:30zum vgl. die prozentualen personalausgaben der parteien 2008:
CDU 31,77
SPD 29,96
FDP 14,45
Grüne 33,97
Linke: 37,32
CSU: 15,23
Andreas Höppner am 06 Jun 10 at 12:02Befremdlich ist das ganze für mich nicht, sondern eher ein Beweis wie schnell man die Realität zum “wahren” Leben vergisst, wenn man in den oberen Gremien und Parlamenten angekommen ist und die eigenen Einkommen die 8000,–€ Marke pro Monat überschreiten. Deshalb bin ich ein Verfechter des Ehrenamtes. Nur eine Kostenerstattung halte ich grundsätzlich für nötig und richtig.
Sascha Schlenzig am 06 Jun 10 at 19:26Ja, zu PDS-Zeiten hat sich da niemand drüber aufgeregt, war auch nur wenigen Bekannt, dass z.B. Lothar Bisky Bezüge hatte als Vorsitzender. Gut, dass das jetzt kritisch gesehen wird und wir damit hoffentlich zu einer sparsamen Lösung kommen.
Peter Porsch am 06 Jun 10 at 20:20Ich muss mich schon wundern. Natürlich habe ich als Landesvorsitzender keine Vergütung bekommen oder genommen. Auch keine für zusätzliche Aufwendungen. Ich war doch als MdL und Fraktionsvorsitzender mehr als gut bezahlt und habe natürlich gespendet. Was soll die ganze Debatte?
Fabio De Masi am 07 Jun 10 at 00:16Tatsächlich handelt es sich um eine verlängerte Regelung, aber das macht es natürlich nicht besser. Mein Vorschlag an die Spitze wäre, dass sie das nötige Fingerspitzengefühl beweisen und das Geld etwa in die hauptamtliche Betreuung strukturschwacher Landesverbände oder die Bildungsarbeit investieren. Das ist gut angelegtes Geld. Mal schaun ob sie drüber nachdenken.
Peter Porsch am 07 Jun 10 at 09:32Übrigens habe ich auch als Stellvertretender Bundesvorsitzender (den habe ich schon fast vergessen) außer Fahrtkosten kein Geld von der Partei bekommen.
Tilo Hellmann am 07 Jun 10 at 13:02na eben das ist es ja, glaube ich. Weil die den Hals nicht voll genug bekommen können und die Gewerkschaftsbezüge weggefallen sind, wollen sie meiner Kenntnis nach, den Ausgleich dafür haben. Was ich gehört habe, waren die Argumente in der Parteivorstandssitzung haarsteubend. Wenn Ernst und Dreibus mit dem, was sie als Abgeordnete bekommen nicht auskommen, dann glaube ich, sind die in der falschen Partei. Meinen Mitgliedbeitrag will ich solchen Menschen nicht in den gierigen Rachen werfen! Wenn nicht bals eine Lösung im SInner der Partei gefunden wird, dann steht uns wohl wieder eine Austrittswelle bevor, wie nach dem Fall Bartsch.
Mario Gesiarz am 07 Jun 10 at 22:36Hallo, da mein Eintrag von 08:28 eine falsche Angabe enthält, die ich bedaure, möchte ich ihn gern vorläufig löschen lassen.
Danke
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