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Kommunikative Klaviatur

so_moVerpasst man einem politischen Projekt eine Website, nur damit es eine hat? Darüber lässt sich streiten – im Falle des am vergangenen Wochenende gegründeten Instituts Solidarische Moderne wurde die Frage offenbar mit Ja beantwortet. Mal abgesehen vom Namen, der in meinen Ohren antiquiert und wenig mutig klingt, sowie einer Programmatik, die den Eindruck hinterlässt, man habe versucht, den Begriff Sozialismus zu vermeiden – der Internetauftritt des Instituts wurde offenbar, weil die Zeit drängte, mit heißer Nadel zusammengestrickt. Und das ist keineswegs nur ein technisches Problem.

Webaffine Menschen werden vom Internetauftritt des Instituts befremdet sein. Nun könnte man sagen: So what? Es handelt sich doch nur um eine Webseite. Wichtiger ist der Inhalt. Ja, ließe sich antworten, das stimmt. Aber wäre es dann nicht auch in Ordnung gewesen, hätten die Gründer des Instituts ihre Erklärung einfach in Stein gemeißelt und Steinplatten an Interessierte verteilt? Polemik beiseite: Internetseiten sind für Projekte heute oft die wichtigste Repräsentanz gegenüber der Öffentlichkeit. Und wenn man schon mit dem Begriff „Moderne“ einen Aufbruch signalisieren will, und zwar einen nach vorne gewandeten, sollte man nicht zuletzt dadurch zu überzeugen versuchen, dass man die kommunikative Klaviatur des Hier und Jetzt beherrscht.

Dank der Beteiligung von Andrea Ypsilanti an dem Projekt, die eine Reizfigur für einen Großteil der Medien darstellt, war ein gewisser Aufmerksamkeitsschub garantiert. Der dürfte sich auch in der Besucherstatistik auf der Website des Instituts – nach Interviews mit der SPD-Politikerin und nach Artikeln über die Gründung – niedergeschlagen haben. Die eigentliche Herausforderung kommt aber gerade jetzt: Nun gilt es, die Leute zum wiederkommen zu bewegen und in Netzstrukturen einzubinden.

Derzeit lädt nur ein Newsletter dazu ein – der Button, über den sich dieser abonnieren lässt, ist seltsamerweise mit einem X-Symbol gekennzeichnet, das üblicherweise bei Computern zum Abbrechen oder Schließen eines Auftrages genutzt wird. Dass das Institut eine Facebook-Seite mitbereits  1.100 Mitglieder hat, könnte auf der Website prominenter erwähnt werden. Denn bei Facebook findet immerhin schon eine (recht sozialwissenschaftlich gefärbte) Debatte statt. Man mag von dem neumodischen Web-2.0-Zeugs halten was man will. Aber offenbar nutzen das viele Leute. Deswegen wäre für die Webseite des Instituts sicherlich auch ein Blog nebst RSS und Twitter-Feed angebracht. Auch wäre darüber nachzudenken, wie Interessierten die Teilnahme an der Debatte ermöglicht werden könnte, die nicht bei Diensten wie Facebook registriert sind.

In ästhetischer Hinsicht rate ich den verantwortlichen Mitarbeitern der Agentur Warenform, die unter anderem die Webauftritte der Jungen Welt und des Neuen Deutschland gestaltet hat, zu einem stimmigeren visuellen Konzept. Das rechts oben stehende Logo sieht arg nach Entwurfsstadium aus. Nicht zuletzt wegen der Schriften mutet die Seite wie von Anfang der 2000er Jahre an. Zwar ist es sicher gut gemeint, mit irgendwelchen Stockphotos etwas Farbe auf die Seite bringen zu wollen. Aber müssen es wirklich solche Massenware-Bilder sein, die auch von Versicherungen oder ähnlichen Einrichtungen benutzt werden? Websites sollten es Menschen einfach machen, an Informationen zu gelangen. Kleine Angebote erleichtern die Freundschaft: Wenn man schon einen Gründungsaufruf von 24.000 Zeichen – also fast 10 Din-A4-Seiten verfasst, könnte man den doch sehr einfach als PDF zum Download, etwa zum ausdrucken, anzubieten. Kurzum: Eine rasche Fortentwicklung der Webstrategie wäre dringend anzuraten – derzeit gibt es öffentliche Aufmerksamkeit, das Institut hat die Gelegenheit, sich zu etablieren und kommunikative Pfähle in den Boden rammen.

Abschließend sei noch eine Bemerkung erlaubt: Die Arbeitsaufgaben, die das Institut umreißt, sind sehr allgemein gehalten. Der Komplex Informationsgesellschaft und die enorme gesellschaftliche und wirtschaftliche Dynamik, die das Internet mit sich bringt, wird nicht explizit benannt. Das halte ich für eine sträfliche Vernachlässigung – eine wie auch immer geartete Moderne wird sich des Internets als Werkzeug bedienen. Insofern sollte dem komplexen Thema Netzpolitik auch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. (lom)

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Kommentare / 2 COMMENTS

[...] wird es noch eine Weile dauern“, heißt es auf der Institutsseite, die immer noch nicht den Anforderungen entspricht, die man an eine Diskursmaschine, eine Denkfabrik, eine politische Debattenplattform [...]

Noch welche Weile? | Lafontaines Linke am 05 Mrz 10

[...] Kommunikative Klaviatur 4. Februar: Das Institut Solidarische Moderne hat anfangs für mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Soll der Schwung anhalten, muss der Verein rasch seine Webstrategie fortentwickeln. Ein Kommentar von Lorenz Matzat (weiterlesen) [...]

Themenseite Crossover | Lafontaines Linke am 07 Mrz 10

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