Werbung mit Leiche

In ein paar Tagen wird Berlin einmal mehr im Zeichen des Gedenkens
an Rosa Luxemburg stehen. Eine nach der großen Linken benannte Konferenz der Jungen Welt, das „stille Gedenken“ in Friedrichsfelde, eine Demonstration und die Kranzniederlegung am Landwehrkanal – das Programm ist aus den Vorjahren bekannt und die Bandbreite der friedlich nebeneinander beteiligten Gruppen immer noch erstaunlich. „Ein Traditionselement des deutschen Linksextremismus“ nennt der Verfassungsschutz die winterlichen Veranstaltungen – und müht sich um so etwas wie Durchblick in einer Broschüre, die mit dem lustigen Hinweis versehen ist, der Text dürfe „nicht in einer Weise verwendet werden, die als Parteinahme des Bundesamtes zu Gunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden könnte“. Sondern? Nun denn. Nicht nur der politische Geheimdienst interessiert sich „im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit“ für Rosa Luxemburg – seit einiger Zeit tut dies auch Michael Tsokos und zwar offenbar aus dem selben Grund. Im vergangenen Mai hatte der Berliner Rechtsmediziner mit der Vermutung für Aufsehen gesorgt, bei im Keller der Charité gefundenen sterblichen Überresten könne es sich um jene von Luxemburg handeln.
Eine „alte Wasserleiche ohne Kopf, Hände und Füße“ weise jedenfalls „verblüffende Ähnlichkeiten“ auf, hieß es damals. Die Medien stürzten sich begierig auf das „Grusel-Rätsel“ (BZ) beziehungsweise die „Leiche im Keller“ (FAZ). Und Tsokos meinte, sollte sich sein Verdacht bestätigen, „dann haben in den letzten 90 Jahren Millionen von Menschen ein falsches Grab besucht“. (hier ein Kommentar im Freitag dazu) Allerlei Untersuchung brachten bis heute jedoch nichts dergleichen ans Licht – es gebe keinen eindeutigen Nachweis, dass es sich bei ihr um Rosa Luxemburg handele, erklärte jetzt die Staatsanwaltschaft. Die unbekannte Tote soll dem Vernehmen nach Anfang Januar bestattet werden. Tsokos Vorgänger am Charité-Institut, Volkmar Schneider, hat inzwischen erklärt, sein Nachfolger habe mit seinen Behauptungen der Rechtsmedizin „schweren Schaden“ zugefügt. Für Tsokos selbst war das Ganze wohl eher von Vorteil: Die unbekannte Leiche verschaffte durch die ihr angedichtete Berühmtheit der Nebentätigkeit von Tsokos als Buchautor kräftig Werbung. Ein „Fall Rosa Luxemburg“, wie auf dem Cover der Neuausgabe prangt, ist es bis zum Beweis des Gegenteils nicht. (tos)
Kommentare / ONE COMMENT
Christoph Lemmer am 01 Jan 10 at 19:57Wohl wahr. Vermutlich wird es diesen Beweis aber nie geben. Denn die historischen Aufzeichnungen legen nahe, dass Tsokos seinen “Fall” von vorneherein manipuliert hat.
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