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Neigung ins Anarchistische

Im Umfeld der jüngsten Auseinandersetzungen in der Führung der
Linken waren viele Klischees und Vorurteile schnell bei der Hand: Ostler gegen Westler, Regierungsfreunde gegen Regierungsfeinde, Realos gegen Fundamentalisten. Wie es mit Klischees so ist: Mit der Wirklichkeit haben sie nur bedingt zu tun, denn die Wirklichkeit ist nicht so einfach wie ein paar Schlagworte. Wer das nicht glauben will, lese die jüngsten Nachrichten aus Bayern. Wo sind da Ossis, wo Regierungsfreunde, wo Realos? Handfester Streit geht auch ohne  solche Kategorien – ausgerechnet in dem Landesverband, aus dem Klaus Ernst kommt, einer der beiden designierten Parteichefs, geht es derzeit drüber und drunter. Und das hat, glaubt man den Berichten, durchaus mit dem bisherigen Vize in Partei und Fraktion zu tun.

Ernst, einem der Ur-Gründer der WASG, wird nachgesagt, im Landesverband eine so genannte Bayern AG bilden zu wollen, in der die hauptamtlichen Mitarbeiter der bayerischen Bundestagsabgeordneten der Linken beschäftigt werden sollen. Ein Beitrag zu  Aufbau und Festigung der Parteistrukturen in dem riesigen Flächenstaat, in dem es derzeit gut 3.000 Linkspartei-Mitglieder gibt, nennen das die Befürworter. Schaffung von Parallelstrukturen am Landesvorstand vorbei, eine Versorgungsmaschine für willfährige Genossen, sagen die Kritiker.

Von außen ist es schwer zu durchschauen, womöglich hat wie bei manchem zugespitzten Konflikt das irrationale Moment bereits Raum gegriffen, aber immerhin sprechen so unterschiedliche Beobachter wie die Süddeutsche Zeitung (etwa hier und hier) und die Internet-Plattform scharf-links.de (etwa hier und hier) von einer Auseinandersetzung zweier großer Blöcke oder Flügel im Landesverband. Sogar von drohender Spaltung ist die Rede. Dieser Tage kam es auf einer Sitzung des Landesvorstands zum Eklat – ein Teil der Mitglieder, darunter einige Bundestagsabgeordnete, verließ die Veranstaltung unter Protest. Eva Bulling-Schröter, bayerisches PDS-Urgestein und seit etlichen Jahren Landesvorsitzende, hat danach laut Süddeutscher die Kreisverbände, also die Basis aufgefordert, sich in die Debatte um das Selbstverständnis des Landesvorstands einzumischen. Funktionäre der Landesebene traten zurück, einer verließ die Partei gleich ganz; wie man hört, wird der letzte Landesparteitag juristisch angefochten.

Dies ist umso bedauerlicher, als die Bedingungen für die Linke in Bayern eigentlich besser denn je sind. Die Seehofer-CSU kriselt erheblich, die SPD kann davon nicht profitieren, eine Umfrage bescheinigt der Linken der Potenzial für den Sprung in den Landtag, der bei der letzten Landtagswahl im Herbst 2008 noch nicht gelungen ist – 4,4 Prozent waren immerhin ein respektables Ergebnis. Schon damals, war aus den Reihen des Landesverbandes zu hören, gab es heftige Auseinandersetzungen über die Art des Wahlkampfes. Bei der Bundestagswahl immerhin schafften die Bayern-Linken im Lafontaine-Sog geradezu sensationelle 6,5 Prozent. Der Einzug ins Münchner Maximilianeum – das wäre der eigentliche Ritterschlag für die Linke im Westen.

Zum Glück für die Partei findet die nächste Wahl im Freistaat erst im Jahre 2013 statt. Zweieinhalb Jahre Zeit, den Eindruck zu korrigieren, dass die Bayern-Linken die Rolle übernommen haben, die in der PDS dereinst die Hamburger gespielt haben: das enfant terrible der Partei, die Chaostruppe. Der Westbeauftragte der Linken, Ulrich Maurer, nennt den Landesverband “mein einziges Sorgenkind” und erklärt, “dass es dort noch nicht so funktioniert”, mit einer “extrem basisdemokratischen Tradition in Bayern”, es gebe dort eine  “Neigung ins Anarchistische”. Da ist viel zu tun für den künftigen Vorsitzenden Klaus Ernst, der zunächst einmal aufpassen muss, dass die bayerischen Streitigkeiten ihm nicht das Schaulaufen vor dem Rostocker Parteitag verhageln, auf dem der neue Bundesvorstand gewählt werden soll. Denn nichts ist fataler für einen Wahlkandidaten als fehlende Unterstützung, womöglich sogar offene Kritik aus der heimatlichen Basis. Vielleicht sollten die Bayern zunächst einmal beherzigen, was Gregor Gysi neulich der gesamten Partei predigte: miteinander reden und besser kennenlernen. (wh)

Nachtrag 31. Januar Offener Brief von Landesvorstandssprecher Franc Zega zum “Auszug” aus der Landesvorstandssitzung, dem Streit in Bayern und der Nominierung der Kandidaten für die neue Bundesspitze, zu deren Aufstellung Zega nicht eingeladen war.

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Kommentare / 6 COMMENTS

[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Lafontaines Linke, Lafontaines Linke und Jean-Laurent Redondo, Linksistgut erwähnt. Linksistgut sagte: LinkeNews: Neigung ins Anarchistische http://url4.eu/1HEMv [...]

Tweets die Chaostage in Bayerns #Linkspartei: Streit der Blöcke im Landesverband von Klaus Ernst erwähnt -- Topsy.com am 01 Feb 10

[...] nennt die bayerische Linke „mein einziges Sorgenkind” – was angesichts des anhaltenden Konflikts im dortigen Landesvorstand eine eher freundliche Beschreibung sein dürfte. Mitte April wird die [...]

Unverzeihlicher Schaden | Lafontaines Linke am 13 Mrz 10

[...] bisher geschah: Neigung ins Anarchistische: Maurer und die Bayern-Linke – 30.1. (mehr) Neues aus Bayern: Offene Brief von allen Seiten – 1.2. (mehr) Neuanfang in Bayern: Linke [...]

Mendl und Wendl | Lafontaines Linke am 18 Apr 10

Nirgendwo ist die Spaltung zwischen ex-WASG und ex-PDS tiefer verwurzelt als im bayrischen LV der LINKEn

Die, ich nenne sie mal alt PDSler, haben die Kärrnerarbeit geleistet und eine einigermaßen funktionierende Infrastruktur aufgebaut und sehen sich plötzlich SPD abtrünnigen gegenüber die sich ins gemachte Nest legen und die komplette Führung für sich beanspruchen.

Die großen Kreisverbände Nürnberg und München wurden quasi im Handstreich übernommen und die bereits etablierten exPDSler kurzerhand rausgemobbt. Vorwürfe ala Sektierer oder Stalinist waren noch die harmlose Variante.

Auch die Postenschacherei hat zugenommen. Harald Werner (heute MdB) versuchte, im gemeinsamen Konzert mit Klaus Ernst, mit allen Mitteln seine Freundin Anny Heike auf einen der vorderen Listenplätze zur BT-Wahl zu hieven.

Die Zustände in Bayern sind nicht gerade einfach, zumal der LV im Ruf steht der linkeste der Gesamtpartei zu sein.

Kowalski am 30 Jan 10 at 20:56

Macht Politik

Erklärung des BundessprecherInnenrates der Sozialistischen Linken zum
Personalvorschlag für den Parteivorstand der LINKEN, 31.01.2010

DIE LINKE steht in der Verantwortung für ihre Wählerinnen und Wähler.
Die Bundesregierung verschärft ihren Kurs gegen die Bevölkerungsmehrheit:
Mövenpick kauft die Regierung, Leiharbeit & Hungerlöhne bei Schlecker, die
Kopfpauschale droht, Roland Koch macht Treibjagd auf Hartz-IV-Empfänger. Obama
lässt die Wall Street zittern, während Ackermann das Kanzleramt regiert. Bischöfin
Käßmann fordert den Rückzug aus Afghanistan, doch die Bundesregierung schickt
mehr Truppen.

DIE LINKE hat kein Recht, die Hoffnungen der Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer, der Rentnerinnen und Rentner, der Arbeitslosen oder der
Friedensbewegung zu enttäuschen. Wir appellieren an alle Kräfte in unserer Partei,
endlich wieder gemeinsam Politik zu machen. Wir brauchen einen Stil der
innerparteilichen Diskussion, der das Interesse der Gesamtpartei und der
Bevölkerung in den Mittelpunkt stellt.

Die Empfehlung einer Doppelspitze für Parteivorsitz und Bundesgeschäftsführung
war ein schwieriger Kompromiss. Wir hätten uns bei den Personalvorschlägen der
Landesvorsitzenden wie viele Mitglieder der LINKEN hier und da ein anderes
Ergebnis gewünscht. Doch es entspricht dem Charakter der LINKEN als neue Partei,
die Linke aus Ost und West und verschiedener sozialer und politischer Herkunft
vereint. Dies darf nicht in Frage gestellt werden. Daher unterstützen wir den
Vorschlag.

Dieser Kompromiss ist auch auf den Druck jener Personen zu Stande gekommen,
die ihn nun offen in Frage stellen. Alle Ereignisse der jüngeren Zeit hatten ihren
Ursprung in offenen Angriffen auf unsere erfolgreiche Politik. Wer über die Medien in
die Partei grätscht, darf nicht Foul schreien. Es ist dieser Stil, der jetzt diese Form
der innerparteilichen Verständigung erforderlich macht, obwohl sie unter dem
Gesichtspunkt der innerparteilichen Demokratie problematisch ist.

Wer weiter über die Medien am Personalkarussell dreht, handelt daher unaufrichtig
und gefährdet unseren Wahlerfolg in Nordrhein-Westfalen. Alle Diskussionen über Rot-Rot-Grün erübrigen sich, wenn wir die schwarz-gelbe Politik in Nordrhein-Westfalen nicht stoppen.

Sascha Schlenzig am 31 Jan 10 at 17:38

Sascha Schlenzig,
Die Diskussion über Rot-Rot-Grün ist solange redundant wie nicht geklärt ist welche Positionen die LINKE aufzugeben hat um an die Fleischtöpfe zu gelangen.
Bislang wird gefordert dass die Linke sich zu bewegen hat während SPD und Grüne auf ihren Positionen beharren.
Es muss aber anders herum laufen, denn sonst riskiert die Führung der Partei die Spaltung.

kowalski am 31 Jan 10 at 20:40

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