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Kurzer Lehrgang

Es gab Zeiten, da war es ein großes Problem einer sich sozialistisch nennenden Partei, in den Medien nur selten vorzukommen. Inzwischen ist diese zur „Linken“ fusioniert und hat, so steht es in den Zeitungen, andere Sorgen. Ihr Vorsitzender biete einen „faulen Zauber“, schreiben die einen, vor der „Kampferklärung einer Betonkommunistin“ warnen die anderen. Man erfährt, wer wann wo Hummer gegessen hat und warum das wen empört. Ganz links liest man das kaum anders als weit rechts. Der Aufstieg einer Partei als Operette. Wer es anders haben möchte, ist auf einige wenige Veröffentlichung verwiesen, zu denen Georg Fülberth als Autor in Zeitungen wichtiges beigesteuert hat. Nun ist das Ergebnis seines Interesses an der Linkspartei in einem eher schmalen Bändchen nachzulesen, wobei der Umfang kein Nachteil ist, im Gegenteil. Aus so einem „kurzen Lehrgang“ lässt sich wegen der größeren Flughöhe weit mehr erfahren, als aus jedem mikroskopischen Voyeurismus.

Was man erfährt? In zwei Sätzen: „Ostdeutschland brauchte ab 1989 eine Partei der Abgewickelten, die BRD im neuen Jahrtausend zumindest für einige Zeit eine zweite sozialdemokratische Partei. Dies ist Ausdruck einer bestimmten, gegenüber den Jahrzehnten 1945 bis 1989 gewandelten, Wirtschafts- und Sozialstruktur.“ Fülberth gebraucht das Wörtchen „sozialdemokratisch“ hier nicht in der invektiven Absicht, mit der es bei innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten gern gegen andere in Stellung gebracht wird. Sondern weil es anders nicht ist.

Fülberth versteht sozialdemokratische Politik als den organisierten Versuch, „im Kapitalismus die Interessen der ausschließlich auf Einkommen aus lohn- und gehaltsabhängiger Arbeit oder öffentlicher Transferleistungen angewiesenen Menschen zu vertreten“ und das System „durch Infrastruktur-, Sozial- und Nachfragepolitik sowie die Integration der Unterschichten zu stabilisieren und zu flexibilisieren“. Das eine ist eher links- und das andere eher rechtssozialdemokratisch. Gelingt es der Sozialdemokratie nicht mehr, beide Funktionen gleichermaßen zu erfüllen, könne dies „dazu führen, dass die Sozialdemokratie sich nicht in einer einzigen Partei organisiert, sondern in zweien“.

Ganz so nüchtern, wie es erscheint, ist freilich auch Fülberths lesenswerte Analyse nicht. Dass „Parteien gerade in ihrem Wandel Resultate der Verhältnisse“ sind, heißt ja nicht, dass man keine Hoffnungen damit verbinden kann. Fülberth beschreibt seinen persönlichen Impuls als einen „Staunen: dass es so etwas gibt wie diese Partei, die viel mehr Wähler hat als Freunde“. Und ein wenig ist auch Verbitterung erkennbar: Hätte es nicht anders, besser kommen können?

Fülberth trat bei den vorgezogenen Bundestagswahlen 2005 auf der hessischen Landesliste der neuen Linken an – als DKP-Mitglied, was damals noch nicht zu der Aufregung führte, die später um eine niedersächsische Landtagsabgeordnete der Linken gemacht wurde. Dieser „Skandal“ aus dem Frühjahr 2008 hat Fülberth erkennbar enttäuscht, ebenso die „Abmeierung“ des zunächst gewählten hessischen Spitzenkandidaten Pit Metz, der auch mal in der DKP war und mit Fülberth zusammen im linken Biotop Marburg Kommunalpolitik macht. „Solidarische Rindviecher“, nennt er die DKP-Mitglieder, die bisher auf Listen der PDS bzw. der Linkspartei kandidiert haben.

Und so ist es kein Wunder, dass dem Verhältnis der DKP zur neuen Linken und dem Fall Christel Wegner, dem Umgang von PDS und Linkspartei mit dem Stalinismus auf den 169 Seiten ein Platz eingeräumt ist, der in einem schiefen Verhältnis zur tatsächlichen Bedeutung dieser inzwischen von einer Seite nicht mehr gewollten Kooperation steht. Fülberth ist hier einer seiner literarischen Figuren, dem verbitterten SPD-Unterbezirkssekretär, gar nicht unähnlich.

Wenn er auf einer der ersten Seiten aus Peter Hacks Gedicht „Die Partei“ zitiert – „Und wer je auf sie baute/ hat sich verdammt geirrt“ – dann liest sich das nicht nur als Illustration der Abwicklung der SED. Ganz am Ende des Buches taucht das Problem des Irrtums wieder auf, diesmal aber wird vor ihm gewarnt: „In einer oppositionslosen Situation“, so Fülberth, werde die fusionierte Partei „den linken Flügel des kapitalistisch Erlaubten bilden. Wer mehr oder Anderes will, ist nicht daran gehindert. Es wäre aber ungerecht, dies ausgerechnet von der Partei ‚Die Linke‘ zu erwarten.“

Die Enttäuschung des Autors über die Linkspartei hat aber nie zu jener theatralischen Abwendung geführt, die man gerade im Fusionsprozess bei der WASG zur Genüge beobachten konnte. „Es ist wahr“, schrieb Fülberth im Frühjahr 2008, die Linkspartei sei „was Sitten und Gebräuche angeht, nicht besser als die Konkurrenz, allerdings auch nicht schlimmer“ – um dann in zwei, drei Sätzen zu begründen,warum es notwendig ist, sie trotzdem zu wählen: „Es muss ein.“

Wer über die Linkspartei mehr erfahren will als Hummergeschichten, kommt an Fülberth nicht vorbei. Es muss sein.

Georg Fülberth: Und wenn sich die Dinge ändern. Die Linke, PapyRossa Köln 2008, 169 Seiten, 12,90 Euro.

auch erschienen in Neues Deutschland

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